Happy Birthday Ama Pola!

Sie hören die Aufnahme der Endstimmung eines zuvor seltsam verstimmten, bereits 110 Jahre alten Klaviers der Marke Neupert auf 432 Hertz. Das Klavier war zu hoch gestimmt, weshalb der letzten Klavierstimmerin auch eine Saite gerissen ist. Das Risiko eines Saitenbruchs ist gerade bei alten Klavieren ziemlich hoch. Nicht wegen des Alters des Materials, sondern da im Verlauf der letzten 100 Jahre für Musik etwas genau genommen Gravierendes Stattgefunden hat:

Der Kammerton wurde 1939 international auf eine höhere Tonhöhe festgelegt. Und zwar auf 440 Hertz. Die meisten Klavierstimmer orientieren sich nun hinsichtlich des Alters undifferenziert an der aktuellen Tonhöhe. Doch die Anfang 1900 gebauten Pianos waren zum Großteil auf 430 oder 435 Hertz ausgelegt. Damit verbunden waren oftmals noch stärkere Saitenbezüge. Dickere Saiten muss man aber für einen höheren Ton stärker spannen, als vergleichsweise dünnere Saiten. Daher brechen dickere Saiten früher – und daher verwendet man heute dünnere Saiten, die mehr Spielraum besitzen.

Der Eingriff in den Kammerton als Grundlage für das gemeinsame Musizieren ist insofern gravierend, da der Kammerton zur Zeit Johann Sebastian Bachs in Deutschland genau einen halben Ton tiefer war. Das betrifft die Zeit, in der zum Großteil unsere Kirchenlieder entstanden sind. Wenn wir also heute in der Kirche manchnmal Probleme haben, die hohen Töne noch singen zu können, dann liegt das zum einen daran, dass wir selbst schon älter geworden sind, aber vor allem liegt es daran, dass seit Bach der Kammerton willkürlich um einen halben Ton höher gesetzt worden ist. Mit willkürlich verweise ich darauf, dass es keinen absoluten Kammerton, also genau genommen keine absoluten Frequenzen für einen bestimmten Ton gibt. Die gemeinsame Tonhöhe als Grundlage für eine gemeinsames Musizieren kann man seinen eigenen Wünschen entsprechend wählen – wenn es das Instrument und damit verbunden der Stimmer möglich machen. Denn bislang ist unsere Wahl vor allem durch ein Instrument wie das Klavier mit 88 Tönen und weit über 200 Saiten sowie der kaum anzutreffenden Eigenschaft von Klavierstimmern, ein Piano innerhalb eines Termins höher oder auch tiefer stimmen zu können, stark eingeschränkt. Das wird sich in Zukunft aber ändern, wenn die digitalen Musikinstrumente die bislang noch analogen Musikwerkzeuge abgelöst haben. Denn digital kann man das ganz einfach anpassen. Und dann werden wir den Kammerton wie heute eine Tonart benutzen, um die Tonhöhe an die Intention unserer Komposition entsprechend identisch anzupassen. Lieder mit entspannenden Charakter werden tiefer eingespielt. Werke mit der Intention der Anspannung werden wir höher einspielen. Denn das ist die Wirkung des Kammertons: Ist er höher, spannt uns die Musik eher an. Hören wir das gleiche Stück auf der Basis eines tieferen Kammertons, dann wirkt es entspannender. Unsere Stimmlage, also quasi die Tonhöhe unserer Stimme, ist ja bekanntlich Ausdruck unserer inneren Befindlichkeit und das heißt nichts anderes als Ausdruck unserer inneren Anspannung. Sind wir entspannt, so ist unsere Stimme tiefer. Sind wir dagegen angespannt, kreischen wir.

Zurück zu unserem Klavier der Marke Neupert. Die Verstimmung befand sich auf der Tonhöhe von 438 Hertz. Dem Alter des Pianos entsprechend stimmte ich das Klavier tiefer. Doch das Tieferstimmen bei älteren Klavieren will sensibel durchgeführt werden. So wie ich das bei neuen Klavieren relativ zügig durchführe, überfordert das manchmal die doch schon steiferen Saiten und ich habe wieder das Problem mit dem Risiko eines Saitenbruchs. Da es ein älteres Klavier ist, das noch hinsichtlich des Klangkörpers, konkret am Rasten als Basis des Klangkörpers, stabiler gebaut ist, versuche ich den großen Sprung von 438 auf 430 Hertz in einem Durchgang zu bewältigen. Das ist die vergleichsweise sanftere Methode. Aber ich muss damit rechnen, dass mir die Stimmung wieder nach oben wegläuft. Das ist der konstruktiven Eigenheit des Pianofortes geschuldet, das nämlich einen gewölbten Resonanzboden hat. Der bewirkt, dass es bei einer größeren Veränderung der Tonhöhe und somit der Saitenspannung damit verbunden zu einer stärkeren Veränderung des Drucks auf den Resonanzboden kommt. Da diese Veränderung im Verlauf einer Klavierstimmung sich über 1-2 Stunden hinzieht, stabilisiert sich der Resonanzboden nicht schnell genug. Es kommt zu einer Gegenreaktion, die sich dadurch ausdrückt, dass sich das Instrument nach einem solchen Stimmvorgang bei einer größeren Veränderung der Tonhöhe hinterher immer noch verstimmt anhört. Dann muss der Klavierstimmer, der in der Regel nur dieses Verfahren zur Auswahl hat, mit Ihnen einen weiteren oder sogar mehrere Folgetermine vereinbaren. Das will ich vermeiden, daher muss ich also beim Stimmen testen, ob die Stimmung in der Tonhöhe wegläuft. Das ist tatsächlich der Fall. Wie gehe ich nun damit um? Mir steht die Wahl offen, das Klavier doch herkömmlich vorzustimmen, um die Druckanpassung an die Resonsanzbodenwölbung zuerst durchzuführen. Oder ich versuche partiell durch mehrfaches Stimmen eine Region zu stabilisieren, um dann davon ausgehend weiterzustimmen. Alternativ dazu habe ich als ein Klavierstimmer, der sowohl das Stimmen nach Gehör als auch den Umgang mit dem Stimmgerät beherrscht und über außergewöhnlich viel Erfahrung verfügt die Wahl, die Stimmung der sich andeutenden Verstimmung quasi dynamisch anzupassen. Diese Option wähle ich, da ich schon die Erfahrung gemacht habe, dass das Ergebnis eine Superstimmung ist. Diese Kategorie der Stimmung gibt es tatsächlich. Sie nuanciert eine Besonderheit der Klavierstimmung, nämlich die Spreizung. Mit diesem Element kann der Klavierstimmer spielen, wenn er die Theorie dahinter verstanden sowie ausreichend Erfahrung damit hat. Im Ergebnis bekommt die Musik eine atmosphärische Qualität, die die mit der musikalischen Stimmung verbundene Intention im Kern noch steigern kann. In unserem Fall ist es eine Stimmung, die noch stärker als üblich erhebend wirkt. Von meiner angestrebten Zieltonhöhe 430 Hertz ist das Klavier im Verlauf des Stimmens deutlich abgewichen. Es ist auf 432 Hertz angestiegen. Das ist der bessere Kammerton, den ich eigentlich vorher schon anvisiert hatte. Besser als der heute übliche Kammerton von 440 Hertz sind 432 Hertz, da wir uns auf dieser Tonhöhe leichter entspannen bzw. – ein diesen Vorgang präziser beschreibendes Wort - harmonisieren können! In diesem Sinn: Happy Birthday Ama Pola!

Ja, natürlich sollen Sie die Endstimmung mit Ausgangslage der Verstimmung vergleichen! Das ist ja die Besonderheit, die Praeludio hier über die Hörbeispiele ermöglicht, den Vorher-Nachher-Vergleich. Mit anderen Worten: Praeludio macht sich vergleichbar! Welchen Klavierstimmer kennen Sie noch, der sich vergleichbar macht?

Ist auch Ihr Klavier oder Flügel verstimmt? Dann finden Sie hier die Leistungen und Festpreise der überregionalen Klavierstimmerei Praeludio für den Landkreis Erding.

Bitte beachten Sie, dass sämtliche Hörbeispiele der Klavierstimmerei Praeludio durch das Copyright geschützt sind.

    Klavierstimmer, Klavier stimmen, Erding, Neupert-Klavier, Baujahr 1910, 432 Hertz, Hörbeispiele
    • Type: Live
    • 92.5 bpm
    • Key: Bm
    • © All rights reserved
    • Berglern, Deutschland
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