Das Klavier von Steingraeber aus diesem Hörbeispiel ist nach längerer Spiel- und Stimmpause wieder gestimmt. Gleich zu Beginn des Hörbeispiels fällt auf, dass das Handicap des Tonhaltepedals gar nicht mehr auffällt. Konnte es doch repariert werden? Nein. Die Lösung besteht in der Spieltechnik, indem man die Finger im Bass eben auf den Tasten liegen lässt, um die gespielten Töne so lange wie gewünscht zu halten.

Im Klavier befindet sich die Seriennummer, anhand derer man das Alter bestimmen kann. Auch die konstruktiven Merkmale, die ich im Seitenkopf der beiden Hörbeispiele in Bilder festgehalten habe, liefern Anhaltspunkte für die Altersbestimmung:

Unser Piano ist ein Geradsaiter, bei dem also alle Saiten parallel nach unten laufen. Bereits 1870 hatte man den Kreuzsaiter erfunden, bei dem sich die Bass- und Diskantsaiten überkreuzen. Ist das Piano möglicherweise vor 1870 gebaut worden?

Dieses Klavier hat noch eine Oberdämpfermechanik, bei der Dämpfer oberhalb der Klavierhämmer und somit nahe am Saitenrand sitzt. Dadurch hat man vor allem im Diskant eine schlechte Dämpfung. Dafür bekommt man aber im Vergleich zur Unterdämpfung die bessere, da authentischere Spielart, da man ja nur Gewichte bewegt. Bei der Unterdämpfung muss man die Federkraft der Dämpferfedern überwinden. Die Federkraft verhält sich völlig anders als der Umgang mit Gewichten. Daher nehmen wir diese Widerstände als weniger authentisch und somit weniger angenehm wahr. Ist das nun ein weiterer Hinweis auf das hohe Alter des Instruments?

Das Pianoforte hat aus heutiger Sicht die Besonderheit, dass das linke Pianopedal, das die Lautstärke reduzieren soll, wie im Flügel als seitliche Verschiebung der Mechanik organisiert ist. Das bewirkt, dass bei allen Tönen mit mindestens zwei Saiten eine Saite weniger angeschlagen wird. Daher nennt man das Pedal Una-Corda-Pedal. Una Corda heißt eine Saite.

Diese Lösung ist im Klavier technisch aufwendig und funktioniert aufgrund fehlerhafter Einstellung des Pedals häufig nicht. Aber wenn es funktioniert, bietet es den Mehrwert des Leisespiels, ohne das heute im Klavier übliche Handicap, dass sich nämlich das Gewicht auf der Taste beim Treten des linken Pedals verändert. Aufgrund der heute durchgeführten Verkürzung des Hammerwegs wird das Gewicht auf der Taste leichter, so dass man unterbewusst provoziert wird, stärker auf die Taste zu drücken, was das beabsichtigte Leisespiel erschwert. Es handelt sich genau genommen bei der heute üblichen Lösung um einen kontraproduktive Technik. Steingraeber hat meines Wissens nach bis circa 1911 bei Klavieren ein Una-Corda-Pedal eingebaut.

Wenn man nun im Atlas der Pianonummern nachschaut, wann die Seriennummer 18656 gebaut worden ist, so stellt man erstaunt fest, dass dies 1913 der Fall war. Das verrät uns, dass Steingraeber damals sehr konservativ war. Es kann sein, dass dies eine bewusste Entscheidung zu Gunsten der eigentlichen besseren alten technischen Lösungen war. So verdanken wir dieser konservativen Einstellung heute das Wissen darüber, dass es im aufrecht stehenden Klavier überhaupt schon einmal die Mehrwert-Lösung des linken Leisepedals gegeben hat!

Genauso könnte man Steingraeber dafür schelten, dass er noch so lange längst überholte Techniken hergestellt hat. Doch tatsächlich muss man zu jeder Zeit immer wieder alte und neue Techniken vergleichen, abwägen, alle Aspekte betrachten und nicht vorschnell jedem Trend bedingungslos folgen.

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    • Type: Live
    • 152 bpm
    • Key: Em
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    • Schnaittach, Deutschland
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