Sie hören die Aufnahme eines Klaviers der Marke Georg Hoffmann. Die Verstimmung verrät unserem Ohr vor allem im ersten Teil der Aufnahme, dass hier ein größeres Problem vorliegt. Auf den ersten Blick sprangen mir gleich mehrere Saiten ins Auge, die schon maximal entspannt im Piano hingen. Die manuelle Kontrolle des Halts des Stimmnagels im Stimmstock mittels Stimmhammer ergab eine butterweiche Führung, also genau das Gegenteil von Halt. Ferner waren im Stimmstockholz viele kleine Risse sowie eine Art Bruchstelle erkennbar.

Die Aufnahme unterscheidet sich in einen ersten Teil, bei dem ich alle Lagen durchspiele, und einen zweiten Teil, der mit Musik gefüllt ist. Interessanterweise meint man beim Lagenspiel, dass dem Instrumente jegliche Struktur einer musikalischen Stimmung verloren gegangen zu sein scheint. Dann wird man im zweiten Teil regelrecht davon überrascht, dass es sich plötzlich gar nicht mehr so dramatisch verstimmt anhört. Was ist hier los?

Dazu muss man die Story der Verstimmung lesen. Als ich den Kammerton vor meinen Tests messe, stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass zumindest dieser Ton auf 440 Hertz gestimmt ist. Ist 440 Hertz nicht normal? Das ist für mich erstaunlich, denn das circa 100 Jahre alte Klavier wurde zu einer Zeit gebaut, als der Kammerton ungefähr bei 430 - 435 Hertz lag. Der heute übliche Kammerton von 440 Hertz wurde erst 1939 in Verbindung mit einer Internationalen Konferenz zur Industrienorm für diese Tonhöhe empfohlen, obwohl sich einflussreiche Musiker im Vorfeld der Konferenz für 430 oder 432 Hertz mit der Begründung ausgesprochen haben, dass wir uns besser harmonisieren können. Aber es war 1939, Nazi-Zeit, der Mensch zählte nicht wirklich, und es handelte sich um eine Konferenz zur Industrie-Norm. Darin sind zwei große Geschichten enthalten, von denen wir heute wissen, dass sie beide für die Welt sowie für die Lebensqualität katastrophal sind:

Industrie ist der Ausdruck für Prozesse und Organisation der Produktion zu Gunsten der Gewinnoptimierung - ohne Rücksicht auf Umwelt und Menschen. Falls man doch Rücksicht nimmt, so in der Regel nicht freiwillig, sondern aufgrund gesetzlichen Drucks.

Die Norm wurde eingeführt, um den teuren Fachmann aus der Produktion zu werfen. Er wurde - damals in einem ersten Schritt - durch angelernte Mitarbeiter ersetzt, die darauf trainiert wurden, vorgegebene Normen zu erfüllen. Dadurch wurde die Produktion billiger, aber qualitativ auch immer schlechter. Denn bei Problemfällen mangelte es den Angelernten an Fachwissen, um Zusammenhänge erkennen, einordnen und den Fehler korrigieren zu können. Auf diese Zusammenhänge verweise ich heute im Rahmen des Klavierservice immer wieder, um meinen Kunden verständlich zu machen, wie es geschehen kann, dass man bei Klavieren relativ häufig auf offensichtlich falsch ausgewogene Tasten trifft, um nur ein Besipiel zu nennen. Heute folgt nun der zweite Schritt, denn die noch in der Produktion verbliebenen Menschen werden durch die Maschine ersetzt. Die Robotik und Künstliche Intelligenz machen es möglich.

Wenn wir also den Kammerton diskutieren, dann müssen wir seine Wirkung auf uns besprechen. Unsere Stimmlage ist z.B. ein dynamischer Kammerton, der sich unserer inneren Befindlichkeit anpasst. Sind wir entspannt, ist unsere Stimmlage tiefer. Sind wir hingegen angespannt, kreischen wir im Extremfall. Genau das macht der Kammerton in der Musik mit uns: Der höhere Kammerton spannt uns an. Ein tieferer Kammerton hingegen fördert unsere Entspannung.

Zurück zu unserem Klavier der Marke Georg Hoffmann. Da hatte also jemand begonnen, das Klavier zu stimmen. Bei der Wahl des Kammertons hatte er das Glück, dass ihm bis zu dem Punkt, an dem er seinen Versuch aufgegeben hat, keine Saiten gerissen sind. Denn das passiert häufig, wenn man ein altes Klavier zu hoch stimmt.

Der Kollege hat das Klavier gestimmt, bis er auf Stimmnägel gestossen ist, die nicht mehr gehalten haben. Anstatt also zuerst auffällige Töne zu prüfen, hat er gleich gestimmt, um dann beim ersten nicht mehr stimmbaren Ton aufzugeben. Daher ist ein Teil in der Mittellage mit Struktur und der Rest ohne jegliche Struktur.

Möglicherweise hätte ich das Klavier wesentlich tiefer noch einmal stimmen können. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich einzelne Töne wieder sehr schnell verstimmen, verbietet einen derartigen Versuch. Und auch von einer umfangreichen Reparatur muss man abraten. Die Kosten für das Ersetzen eines Stimmstocks sind zu hoch. Soll man sich also gleich ein neues Klavier kaufen? Das liegt zwar preislich in der Größenordnung einer Generalüberholung. Aber auch hier muss man erst einmal klären, wie das Instrument überhaupt benutzt wird. Häufig stecken in solch alten Instrumenten Familiengeschichten, die verhindern, dass man schon längst losgelassen hat. Man spielt es zwar kaum oder gar nicht mehr, aber hergeben kann man es auch nicht. Ein kritischer Zustand sowie ein Negativ-Urteil hinsichtlich der Stimmbarkeit hilft da natürlich. Und wenn man dennoch gelegentlich Bedarf hätte? Dann lohnt sich der Blick nach vorne, auf interessante Entwicklungen, die sich gerade vor allem bei den Tasteninstrumenten vollziehen, sowie auf den massiven Angriff der Digitalpiano-Hersteller, die ja alle guten Features aus dem Akustikpiano in ihre digitalen Versionen übertragen, da sie kapiert haben, dass sie Mehrwert erzeugen müssen. Dahingehend ist bei den Akustikpianos keinerlei Entwicklung mehr feststellbar. Vielmehr holt man sich hier selbst ein, indem man durch die verstärkte Vermarktung von gar nicht mal wirklich neuen Varianten der weit über 100 Jahre treuen Kundschaft ins Gesicht sagt, dass sie doch eigentlich blöd waren, sich mit so viel Energie dem Lernen des Klavierspiels gewidmet zu haben. Das erlaubt sich aktuell ausgerechent Steinway & Sons, scheinbar eine Weltfirma, tatsächlich mit deutschen Wurzeln, aber von Anfang an in USA beheimatet und inzwischen einem Hedgefonds-Manager gehörend, der interessanterweise genau wie der Gründer gar nicht Klavier spielen kann. Der Inhaber heißt John Paulson. Er dachte öffentlich darüber nach, warum so wenige von den vielen Reichen sich einen Steinway kaufen? Die Antwort ist schnell gefunden: Weil sie nicht Klavier spielen können - und auch keine Zeit (und Nerven) haben, das komplexe Klavierspiel mühsam zu lernen. Daher lautete der nächste Gedanke Paulsons: Wie könnte man das Lerrnen des Klavierspiels leichter machen und zeitlich abkürzen? Es gingen circa 2 Jahre ohne Antwort ins Land. Dann kam ein neues Flügelmodell von Steinway auf den Markt. Es handelte sich um einen Selbstspieler namens Spirio. Auf der verlinkten Seite erfahren Sie, dass Spirio ja eigentlich etwas höchst Modernes ist. Sie lesen die Seite und fragen: Inwiefern ist Spirio etwas höchst Modernes? Nun, man leiht sich das positive Image eines anderen Produkts, nämlich das des Apple-iPads, mit dem man nun Spirio genau genommen spielt, wenn man damit Künstler, Stil und Song auswählt... Mit diesem Selbstspieler kam Steinway endlich aus den roten Zahlen in die Gewinnzone! 30 Prozent aller verkauften Steinway-Flügel sollen nun Selbstspieler sein. Die wohlhabende Klientel hat kapiert und kauft sich nun diese Art CD-Player in Flügelform. Und was macht man nun damit interessantes? Spirio steht bei der Party im Hintergrund und plätschert musikalisch vor sich hin, während die High Snobiety sich im Small Talk befindet. Sie glauben es nicht? Genau diese Videos wurden im Auftrag von Steinway als Werbung angefertigt und über Youtube verbreitet. Was wir nun kapieren müssen, ist die Tatsache, dass die noch existierenden Klavierbauer einer gegen den Menschen gerichteten Technologie Raum geben. Denn die traurige Botschaft der Party-Szenarios ist ja, dass diese Leute zwar mindestens 100.000 Euro für Spirio aber keine 100.- Euro mehr für einen Barpianisten übrig haben!

Ist auch Ihr Klavier oder Flügel verstimmt? Dann finden Sie hier die Leistungen und Festpreise der überregionalen Klavierstimmerei Praeludio für den Landkreis Haßberge.

Bitte beachten Sie, dass sämtliche Hörbeispiele der Klavierstimmerei Praeludio durch das Copyright geschützt sind.

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    • Type: Original
    • Oberaurach, Deutschland
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